Vom Hörsaal… an den Fluss
Feldforschung in Aotearoa Neuseeland: Ethnologin Alina Berg folgt den Spuren des Māori-Steins Pounamu zwischen Flussbett, Werkstatt und Museum.
Feldforschung in Aotearoa Neuseeland: Ethnologin Alina Berg folgt den Spuren des Māori-Steins Pounamu zwischen Flussbett, Werkstatt und Museum.
Wenn ich abends zum Strand hinunterlaufe, könnte ich meinem Forschungsobjekt begegnen. Hat man großes Glück und schaut richtig hin, dann kann man den grünen Schimmer des Pounamu zwischen den grauen Steinen und Muscheln entdecken. Wegen des Pounamu bin ich hier in Aotearoa – das ist die Māori-Bezeichnung für Neuseeland. Denn an diesem Stein, einer besonderen Form von Jade oder Nephrit, die von Māori iwi (Stämmen) in verschiedener Form bearbeitet und wertgeschätzt wird, bündeln sich Fragen ganz unterschiedlicher Disziplinen, von der Ethnologie über die Geologie bis hin zur Museums- und Rechtswissenschaft.
Als Doktorandin der Ethnologie an der LMU verbringe ich sechs Monate in Aotearoa Neuseeland, wo Pounamu vor allem auf der Südinsel vorkommt. Ich forsche im Rahmen des Forschungsprojekts „Beyond the nature/culture divide: Reimagining human-environment relations in museums“, das sich damit beschäftigt, wie Museen das Verständnis vom Verhältnis zwischen Menschen und Umwelt neu denken und vermitteln können.
In meiner Dissertation, die im Rahmen der Cambridge-LMU Strategic Partnership vom Bayrischen Freistaat und vom Deutschen Akademischen Austauschdienst gefördert wird, untersuche ich, wie Museen in Europa Pounamu anders kuratieren könnten: nicht nur als Museums-Objekt, sondern als vielfältige, lebendige Ressource, in ihrer Verbindung zu Landschaft, Geschichte und indigenem Wissen. Außerdem widme ich mich der Frage, wie und unter welchen Umständen Pounamu-Artefakte vom anderen Ende der Welt in Europa gelandet sind.
Meine Feldforschung soll sichtbar machen, was der Stein jenseits der Vitrine ist: Teil von Te Taiao (Landschaften), von Pūrākau (Erzählungen), von rechtlichen Auseinandersetzungen und von Beziehungen, die Menschen bis heute zu diesem Material haben. Dafür forsche ich nicht nur in Museen und Archiven, sondern auch dort, wo Pounamu gefunden, bearbeitet und besonders geschätzt wird.
Derzeit bin ich in Hokitika an der Westküste der Südinsel, welche in ihrer Māori-Bezeichnung Te Wai Pounamu den Stein sogar in ihrem Namen trägt. Die kleine Stadt, einst als Goldgräbersiedlung gegründet, gilt als Hochburg des Pounamu. Wenn man durch die Straßen Hokitikas läuft, versteht man schnell, warum. Denn der Stein ist hier nicht nur in der umgebenden Natur präsent, sondern überall, in Schaufenstern, Logos, Geschäftsnamen und Werkstätten. Sogar zwischen den Pflastersteinen ist immer mal wieder grüner Pounamu eingelassen.
Draußen in der Natur zeigt sich der Stein besonders am Arahura-Fluss, der nördlich von Hokitika ins Meer mündet. Meine Erkundungen mit einem lokalen Kaitiaki (einem Hüter und Guide für Pounamu) gleichen anfangs einem normalen Spaziergang, bei dem wir nach grünen Steinen Ausschau halten. Aber nach und nach verändert sich mein Blick und ich nehme das Wasser und die Steine anders wahr. Ich achte stärker auf Oberflächen, Lichtreflexe und die grüne Farbe, die plötzlich zwischen den grauen Steinen hervorleuchtet. Faszinierend finde ich, dass man an dieselbe Stelle am Fluss zurückkehren kann und plötzlich Dinge entdeckt, die einem vorher gar nicht aufgefallen sind. Besonders gut sieht man den Pounamu etwa bei Regen. Denn wenn er nass ist, tritt seine Struktur viel deutlicher hervor.
Mitnehmen darf ich die Steine vom Arahura-Fluss nicht. Sie sind Eigentum des Ngāi Tahu-Iwi, des großen Māori-Stamms der Südinsel. Ihm wurden die Rechte daran 1997 im Rahmen von Ausgleichsleistungen vom neuseeländischen Staat zurückgegeben. Ich versuche unter anderem herauszufinden, wie diese Ressource heute praktisch geschützt wird und wie sich das mit Tourismus, Handel und wirtschaftlichen Interessen vereinbaren lässt.
Feldforschung betreibe ich aber auch im Ort Hokitika selbst. In einem Carving-Studio sehe ich zum Beispiel zu, wie aus dem rohen Material Anhänger, Ohrringe, oder Figuren und abstrakte Formen herausgearbeitet werden – einige mit klassischem Maori-Designs, andere eher zeitgenössisch inspiriert. Das Rattern der Maschinen, das spritzende Wasser und die Konzentration der Menschen sind dann Teil des Interviews, das ich führe. Und gerade, wenn man nicht geschniegelt am Tisch sitzt, sondern nebenbei gemeinsam etwas macht, entstehen oft die besten Gespräche. Dann erzählen Menschen ganz anders.
Ich spreche mit ganz unterschiedlichen Menschen, mit Ngai Tahu genauso wie mit Pākehā, also Nicht-Māori. Viele sind überrascht, dass jemand vom anderen Ende der Welt hierherkommt, um Pounamu zu erforschen. Aber nach der ersten Verwunderung entsteht daraus schnell Interesse. Dann erzählen sie mir vom Stein und seinen unterschiedlichen Schattierungen von Grün, von früheren Zeiten und von Stellen, an denen man suchen sollte oder besser nicht.
Vor allem an der Westküste gehen Gespräche über Pounamu schnell über reine Sachfragen hinaus und werden sehr emotional. Viele Menschen hier haben eine enge Verbindung zu dem Stein, über ihre Familien, über die Geschichte des Ortes oder einfach über ihr Leben in dieser Region. Fast jeder in Hokitika scheint irgendetwas dazu erzählen zu können.
Pounamu spielt zudem eine große Rolle als kulturelles Erbe und in den kosmologischen Vorstellungen von Ngai Tahu und anderen Māori-Stämmen und hat heute noch einen hohen spirituellen Stellenwert. Es wurden viele historisch bedeutsame Objekte – Schmuck, Werkzeug sowie Waffen aus Pounamu hergestellt. Diese gelten, ebenso wie der Stein selbst, als taonga (als „treasure“ oder Schatz). Taonga werden oft als Heiligtümer von Generation zu Generation weitergegeben, landeten allerdings auch oft in europäischen Museen. Ich versuche nachzuvollziehen, wie es dazu kam.
In meiner Arbeit frage ich auch, welche Rolle der Stein in Pūrākau (Māori-Erzählungen) und geologischen Narrativen um die sogenannte Deep Time und den Ursprung des Landes spielt. Immer wieder höre ich Erzählungen, die sich um Pounamu ranken. In einer Version einer mündlich überlieferten Geschichte etwa wird eine Frau mit dem Namen Waitaiki von einem Taniwha (einer Art Wassergeist) namens Poutini, entführt. Ihr Ehemann Tamaāhua folgt den beiden quer durchs Land. Um Waitaiki vor ihm zu verstecken, verwandelt Poutini sie schließlich in seine eigene Essenz, Pounamu, und bettet sie in den Flusslauf des Arahura River. So erklärt die Erzählung, warum der Stein gerade hier vorkommt.
Ich finde, dass Museen in Europa beim Umgang mit Pounamu-Artefakten solche indigenen Perspektiven stärker berücksichtigen sollten – aber auch andere Aspekte, die oft noch immer zu kurz kommen. Dazu gehören die Geschichte der Extraktion und rechtliche Auseinandersetzungen um den Stein, seine besondere Rolle in der heutigen Gesellschaft von Aotearoa Neuseeland und seine enge Verbindung zu bestimmten Landschaften und Gemeinschaften. Dabei geht es um mehr als nur diesen Stein. Vielmehr will ich an seinem Beispiel untersuchen, wie Museen künftig generell mit Materialien umgehen können, die für bestimmte Menschengruppen so bedeutsam sind.
Ich will verstehen, wie Objekte aus Pounamu in Museen ausgestellt werden – und wie sie dort gelandet sind. | © Alina Berg
Neben der Feldforschung gehören Besuche in Archiven und Museen zu meiner Arbeit. Im örtlichen Hokitika Museum, aber auch im Te Papa Museum in Wellington oder in der geologischen Sammlung des Pounamu-Experten Russell Beck in Dunedin und der National Library suche ich stundenlang nach Hinweisen, Namen, Objekten und ihren Wegen durch verschiedene Sammlungen.
Detektivarbeit nenne ich das. Ein kleiner Fund führt oft zum nächsten. Irgendwo taucht ein Vermerk auf, dann ein weiterer Name, dann vielleicht ein alter Zeitungsartikel oder ein Eintrag in einer Sammlung. Manchmal sagt jemand im Museum ganz nebenbei etwas, das mich wieder auf eine neue Spur bringt. An solchen Tagen merke ich kaum, wie die Stunden vergehen.
Viele Menschen besuchen Hokitika nur kurz und reisen dann weiter. Ich aber bleibe länger und habe inzwischen meine kleinen Routinen. Dazu gehört, dass ich in Aotearoa Neuseeland gern frischen Fisch esse und plötzlich Gefallen an einem „Flat White“ finde, obwohl ich sonst keine große Kaffeetrinkerin bin. Aber hier ist er wirklich besonders gut und stammt offenbar von hier.
In den nächsten Wochen reise ich weiter nach Wellington, wo ich als Gastforscherin an der Universität arbeite und wieder in der Archivarbeit versinke. Und auch dort werde ich wohl wieder jeden Abend zur Küste gehen. Die ist in Neuseeland eigentlich nie weit weg. Meine kleine Abendroutine ist es, mir beim Spaziergang den Sonnenuntergang anzusehen. Und der sieht, genau wie der Pounamu-Stein, jedes Mal ein bisschen anders aus.
Alina Berg ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Ethnologie der LMU.
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